Wenn die Behauptung stimmt, daß Trends zuerst in den USA und mit einer Verzögerung von ein, zwei Jahren in Deutschland aufgegriffen werden, dann werden wir uns spätestens 2011 mit einer Strömung befassen, die der Journalist und Autor John Freeman mit „Slow Communication“ umschrieben hat. In einem „Manifest“, das im August im Wall Street Journal erschien, stellt er die nachfolgenden Thesen auf, die ich (sehr frei und mit vielen Kürzungen) ins Deutsche übersetzt habe.
Lesenswert sind übrigens auch die Kommentare zu diesem Essay; hier entwickelte sich ein lebhafter Dialog zwischen Mit-Zwanzigern und “C64-kids”.
Muss man „Slow Communication“ hierzulande bereits propagieren? Ich habe trotz aller unfreiwillig mitgelauschter Mobiltelefongespräche und dem ein oder anderen Laptop im Kaffeeladen nicht das Gefühl, dass es schon „so schlimm“ ist. Was denken Sie?
These 1: Geschwindigkeit verändert die Wahrnehmung.
Wenn Sie im TGV Richtung Strasbourg bei etwa 250 km/h sitzen, bekommen Sie kaum mehr mit, an welcher Landschaft Sie da eigentlich vorbeifahren. Je schneller der Zug fährt, desto unkomfortabler und gefährlicher wird es unter Umständen für die Passagiere.
Dasselbe passiert mit Worten bzw. Kommunikation. Neue Technologien und Tools verhelfen uns hier zu immer mehr Geschwindigkeit. Wir sind ständig damit beschäftigt, Schritt zu halten, uns anzupassen und leben dadurch wie in einem „digitalen Jetlag“.
John Freeman hält diese Entwicklung für desaströs. Denn auch wenn manch eine Entscheidung innerhalb von Sekundenbruchteilen gefällt werden kann, profitieren doch nicht alle unsere Urteile davon. Wir brauchen Zeit, um unsere Beziehungen zu pflegen. Zeit, um zu überlegen, was unsere Worte bei anderen auslösen. Zeit, um die daraus entstehenden Konsequenzen zu überdenken.
Hochgeschwindigkeits-Kommunikation reduziert unsere Äußerungen auf Instinkte oder Impulse, die wir ansonsten zurückhalten oder vorsichtiger einsetzen würden.
Im Hinblick auf professionelle Kommunikation hält Freeman diese Entwicklung sogar für zerstörerisch: Fehlerquellen werden immer größer, Kunden fühlen sich falsch verstanden, Gerüchte dringen nach außen und müssen mit Mühe wieder ins rechte Licht gerückt werden. – Keine Firma, kein Mitarbeiter ist perfekt.
Einerseits stellt uns das Internet unbegrenzt viele Informationen in hoher Geschwindigkeit zur Verfügung. Auf der anderen Seite können wir aufgrund unserer Gehirnkapazität nur über einen geringen Teil davon wirklich verfügen. Die Folge: „We go to war hastily, go to meetings unprepared, and build relationships on the slippery gravel of false impressions.“
These 2: Ohne physisches Erleben geht uns Wichtiges verloren
Ein Großteil der elektronischen Kommunikation führt uns nach Meinung des Autors weg von der wirklichen, physisch erfahrbaren Welt. Cafés zeichnen sich nicht mehr durch eine entspannte Gesprächskulisse aus, sondern durch das kontinuierliche, insektenartige Geräusch der Tastaturen. Die „richtige“ Welt wird nicht mehr gebraucht, die Menschen ziehen sich deshalb in die Welt der Technologie zurück.
John Freeman: „This is a terrible loss.“ Wir können zwar viel durch das Internet erfahren, aber wir können die Dinge dort nicht berühren, nicht fühlen.

Der Käseladen-Besitzer um die Ecke kann sich an Ihren Lieblingskäse erinnern. Ein Online Shop kann das natürlich auch. Aber er wird sich vermutlich nie nach dem Wohlergehen Ihrer Kindern erkundigen oder mit Ihnen über den Geschmack von Stilton fachsimpeln. – Diese Gespräche erinnern uns daran, dass wir ein Teil der physisch erfahrbaren Welt sind.
These 3: Der Sinnzusammenhang ist essentiell
Wir brauchen die Verbindung zu unserem wirklichen Leben. Dafür sollten wir die Idee von Fortschritt und Effizienz nicht ständig abhängig machen von Geschwindigkeit.
John Freeman: „We are here for a short time on this planet, and reacting to demands on our time by simply speeding up has canceled out many of the benefits of the Internet, which is one of the most fabulous technological inventions ever conceived. (…) Slow communication (…) will also preserve our sanity, our families, our relationships and our ability to find happiness in a world where, in spite of the Internet, saying what we mean is as hard as it ever was.“